I read Brigitte and all I got was schlechte Laune
tl;dr Über die Kritik an Brigitte, verfehlte Gegenkritik und was das mit dem NSU-Prozess zu tun hat.
[vorheriger Post zum Thema: A day in the Life of Brigitte]
Nachdem bei der ersten Auslosung der Presseplätze beim bevorstehenden NSU-Prozess vor dem OLG München ausländische Medien benachteiligt und kein einziger Platz an ausländische Medienvertreter vergeben worden war, hatte die türkische Zeitung Sabah mit einer Verfassungsbeschwerde die Wiederholung des Akkreditierungsverfahrens erreichen können. Diesmal unter der Maßgabe, mindestens 3 der 50 festen Presseplätze für türkische Medien zu reservieren. Zuvor hatten einige deutsche Medien, allen voran das Neue Deutschland, angeboten, ihre Plätze mit ausländischen Medienvertretern zu teilen. Das Neue Deutschland hat nun im wiederholten Losverfahren seine Akkreditierung allerdings verloren. Weitere überregionale Nachrichtenmedien, etwa die FAZ und Die Zeit, sind leer ausgegangen, ebenso die taz, deren Chefredakteurin eine Klage prüft. [Quelle u.a. ND]
Neben weiteren Medien, die bisher kaum durch hohe Qualität ihres journalistischen Angebots in Erscheinung getreten sind, etwa RTL2 oder das Münchner Hitradio Charivari, hat mit der Brigitte eine Frauenzeitschrift ohne ersichtlichen Nachrichtenteil einen der knappen Presseplätze ergattern können.
Nur 4 der 50 festen Presseplätze in einem Verfahren, das sich um rechten Terrorismus und eine rassistische Mordserie dreht, wurden ausländischen Medien zugelost. Die deutsche Medienlandschaft ist stark überrepräsentiert, dennoch sind große überregionale Tageszeitungen leer ausgegangen, und Medien ohne erkennbaren Nachrichtenanteil, wie die Brigitte, wurden bei der Platzvergabe berücksichtigt.
Daraufhin wurden sofort kritische Stimmen laut, die sich grob in drei Gruppen aufteilen lassen:
- Kritik an der journalistischen Qualität der Brigitte
- Kritik, Nachrichten, die man lesen möchte, in einem misogynen Kackblatt suchen zu müssen
- Herrenwitze
Daran gab es Meta-Kritik:
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Brigitte zu kritisieren sei misogyn
Weiblichkeit abwerten ist sexistisch. Um damit Brigitte pauschal gegen Kritik in Schutz zu nehmen, ist das Argument allerdings verfehlt. Es bedeutet umgekehrt nämlich gerade nicht, dass außerhalb der Kritik stehen muss, was zu Weiblichkeitsperformance führt. Damit verhindert man nicht die Abwertung von Weiblichkeit, sondern wertet Zwangsfemininität auf.
Brigitte verkauft, wie die meisten Mainstream-Frauenzeitschriften, Misogynie verpackt als Dinge, die Frauen (angeblich) Spaß machen (Anti-Falten-Cremes, Problemzonentraining, kalorienzurückhaltendes Kochen, für Männer attraktiv sein), und erklärt Frauen haarklein wie normgerechte Weiblichkeitsperformance auszusehen hat. Bei Brigitte steht Selbstoptimierung für den männlichen Blick im Mittelpunkt des Interesses. So steht z.B. völlig außer Frage, mit behaarten Beinen herum zu laufen: “Wer trägt im Sommer schon gern Pelz?” Damit macht Brigitte nicht nur Frauen, die nicht enthaaren, lächerlich, sondern lässt gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass es nicht um die Frauen selbst sondern um die Wahrnehmung durch andere geht. Wer nicht gern “Pelz” trägt, stört sich daran ja nicht nur im Sommer.
Frauenzeitschriften fördern Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Sie vermitteln sexistische Schönheitsnormen und Erwartungen, an denen Frauen fast nur scheitern können. Für die Verbreitung des Schönheitsdiktats, das Frauen dazu bringt, normgerechte heterosexuelle Weiblichkeit zu performen, sind Frauenzeitschriften signifikant mitverantwortlich.
Es ist somit eine ziemliche Fehlleistung, Kritik an Frauenzeitschriften pauschal als sexistisch zu kritisieren.
Außerdem wird das Argument “Weiblichkeit nicht abwerten” umgedreht und angewendet auf die Brigitte essentialistisch. Wer darf sprechen, wer kommt nicht vor? Brigitte selbst wertet Weiblichkeiten ab, marginalisiert, macht unsichtbar.
Brigitte-Zielgruppe sind nicht alle Frauen sondern heterosexuelle Frauen. Angesprochen sind immer Frauen, Partner sind wie selbstverständlich immer Männer. Selbst bei einer RZB-Kritik im aktuellen Heft gibt es nur zwei Optionen: Alleinleben oder (heterosexuelle) Zweierbeziehung. Damit eignet sich die Autorin eine Kritik an, die offensichtlich nicht ihre eigene ist, auf heteronormative Grenzen verkürzt und entpolitisiert. Heteronormativitätskritik als Teil der linken Kritik an der RZB wird weggelassen, da diese Normativität den Tellerrand der Autorin begrenzt. Aber man kann nicht sagen, es hätte noch nie was Kritisches über die RZB in der Brigitte gestanden.
Männer werden nicht als Leser angesprochen. Sie treten nur als diejenigen in Erscheinung, für die sich Frau ins Zeug legt (siehe Frisuren-Special: “Mein Freund findet, er hat eine neue Frau”). Der Mehrheit der Männer dürfte es leicht fallen, Brigitte nach dem Motto Frauen sind von der Venus, Männer von woanders, als seichte Unterhaltung abzutun, die sie nicht verstehen. Wird Frauen schon irgendwie Spaß machen.
Frauenzeitschriften repräsentieren nicht Weiblichkeit, sondern nur eine ganz bestimmte, die Frauen stark einschränkt.
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Brigitte zu kritisieren sei klassistisch
Da wurde etwa argumentiert, mit Brigitte, BILD und RTL2 würde man die Gesellschaft in ihrer gesamten Breite erreichen. Dieses “antiklassistische” Argument ist klassistisch. Es geht davon aus, dass Medien mit etwas höherem Anspruch als die kritisierten sich nicht für die gesamte Breite der Gesellschaft eignen. Dahinter steckt eine deterministische Auffassung von Klasse. Dass Besserverdienende zu blöd für die FAZ wären, ist da ja nicht gemeint.
Hätte es auch begrüßt, wenn ausschließlich das Bildungsbürger-Fernsehen über den #NSUProzess berichtet hätte.
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) April 29, 2013
Informationen gehören einfach nicht in Proletenhand.
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) April 29, 2013
Die heißen doch „bildungsferne“ Schichten, um uns stets daran zu erinnern, dass wir Bildung um jeden Preis von ihnen fern halten müssen.
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) April 29, 2013
Natürlich ist das Ironie, aber wer ist gemeint? Brigitte? Bild? RTL2?
Ist nur die Brigitte gemeint, dann WTF? Seit wann ist die Brigitte nicht auch für Bildungsbürgerinnen? Wie abwegig ist das, Klassismus zu sehen, wo Medien, die ersichtlich klassistisch nicht benachteiligte Frauen zu verblöden suchen, für mangelnde journalistische Qualität kritisiert werden? Brigitte wirbt – Pardon: berichtet – in der aktuellen Ausgabe über Hotels, in denen Brigitte-Leserinnen zu besonderen Konditionen Urlaub machen können: Paradiese mit Meerblick, Wellness, Spa, Champagner-Soufflé, und täglich bespielbaren 18-Loch-Golfplätzen. Die untere Mittelschicht dürfte schon Probleme haben, Brigitte-Lifestyle zu finanzieren. Zielgruppe determiniert nicht Leserschaft, dennoch: Für Klassismusbetroffene ist Brigitte-Lifestyle nicht der eigene. Das ist rein ökonomisch schon nicht machbar. Brigitte repräsentiert in keiner Weise Klassismusbetroffene. Brigitte konfrontiert nur eventuelle klassistisch Benachteiligte Leserinnen mit Erwartungen, die für sie noch weniger erreichbar sind als für nicht ökonomisch Benachteiligte. Brigitte als Zeitschrift für Klassismusbetroffene hinzustellen, weil sie hohl ist: Essentialistischer Fail sondergleichen.
Wenn BILD & Co. angesprochen sind, geht das Argument am Punkt vorbei. Ironische Polemik, geschenkt. Aber Gruner & Jahr und Axel Springer als für “Proleten” zu betrachten spricht ja schon für sich.
Die BILD bedient ganz offen Rassismus, Sexismus, andere *ismen, sie verhöhnt, stellt bloß, beleidigt. RTL2 bedient genauso Ressentiments und führt Menschen vor, die das teils nicht mal erfassen. Ziel ist dort nicht Nachrichtenvermittlung in zugänglicher Sprache und nicht zu voraussetzungsvoll – da liegt offenbar eine Verwechslung mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag vor – sondern Meinungsmache, oft Hetze. Boulevardmedien sind die mit dem niedrigen Anspruch an Wahrheitsgehalt und Sachlichkeit. Wenn ich meine Nachrichten gerne möglichst vollständig, nah an der Realität, frei von falschen Implikationen durch Weglassen oder Überbetonen, nicht emotionalisiert oder skandalisiert hätte: Schaue ich nicht bei BILD oder RTL2. Völlig egal, ob ich bei SpOnline, FAZ, taz oder der Sueddeutschen auch Berichterstattung zu lesen bekomme, die tendenziös ist oder nicht meiner Auffassung von Qualitätsjournalismus entspricht: Die Unterscheidung zwischen seriös und Boulevard ist keine willkürliche.
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Es sei problematisch und vermutlich sexistisch motiviert, dass sich die Kritik nur auf Brigitte – und nicht z.B. RTL2 oder Charivari – einschieße
So argumentiert z.B. die Mädchenmannschaft, und geht davon aus, dass Journalisten, die sich nur über die Akkreditierung der Brigitte lustig machen, “anscheinend RTL2 und die BILD als sinnvolle Berichterstatter_innen erachten”. Und weiter: “Das allein macht deutlich, worum es hier nicht geht: Qualität der berichtenden Medien.” Dem kann ich so nicht folgen. Erstens kann man nicht einfach Zustimmung aus Schweigen herleiten (Stichwort: konkludentes Handeln). Zweitens bezieht sich die Mädchenmannschaft ausschließlich auf Kritik, die der Brigitte allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauenzeitschrift ist, die Kompetenz abspricht. Dass es darüber hinaus sinnvolle(re) Kritik gab, wird nicht erwähnt. Stattdessen erklärt die Mädchenmannschaft, dass es bei der Brigitte tatsächlich einiges zu kritisieren gäbe.
Männerverein Carta.info glaubt zu wissen, dass es lediglich sexistisch motivierte Kritik in der Richtung “Igitt, eine Frauenzeitschrift” gab, und fordert “Lasst ‘Brigitte’ in Ruhe!“. “Frauen stellen 51 Prozent der Weltbevölkerung. Was also ist daran auszusetzen, wenn sich eine Zeitschrift, die sich primär an Frauen richtet, mit dem Prozess befasst?” Dass nicht 51 Prozent der Weltbevölkerung Zielgruppe für Frauenzeitschriften ist, wäre zumindest eine Anmerkung wert.
Gute Kriterien zu finden, unter welchen Umständen ein Medienorgan der Berichterstattung “würdig” ist, dürfte äußerst schwierig sein. Wovon aber beide hier nur beispielhaft mit der Argumentationslinie zitierten Blogs ablenken, ist, dass das eigentliche Problem darin besteht, dass nicht genügend Plätze für Prozessbeobachter*innen zur Verfügung gestellt werden.
Carta bestreitet das zwar (“Nicht vergessen, neben der Brigitte werden noch 34 andere deutsche Medien exklusiv berichten”), führt sich aber mit der Bezeichnung “exklusiv” gleich wieder ad absurdum.
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Der Unterschied im journalistischen Qualitätsmangel der Brigitte zu sogenannten “Qualitätsblättern” sei nicht so hoch, wie unterstellt würde
… auch in jenen fänden sich Homestories und Lifestyle-Berichterstattung über die Zschäpe-Anwältin und ähnliche Peinlichkeiten.
Über Zschäpes Anwältin: „Sturm – dunkles Jacket, helle Bluse, roter Lippenstift, kurze blonde Haare…“ Brigitte? Nein, Süddeutsche Zeitung.
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) April 29, 2013
“hochhackige Schuhe zum schwarzen Designerkostüm, die Lippen knallrot, die blonden Haare kurz” brigitte? ja, brigitte.
— sanczny (@sanczny) April 29, 2013
Was heißt das jetzt genau? Da auch Spiegel & Co. sexistisch schreiben ist das bei der Brigitte nicht so schlimm? Eher doch das Gegenteil: Wenn man ein Problem mit Sexismus hat, spricht nicht für Brigitte, dass andere genauso schlimm sind (mal für den Moment dahingestellt, ob das wirklich so ist), sondern gegen die anderen.
@sanczny Aber ist Sexismus in den Nachrichtenmedien nicht eher schädlicher als in der Brigitte, wo er offensichtlich ist? @autofocus
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) April 29, 2013
Offenen Sexismus als weniger schlimm zu bewerten als versteckten erschließt sich mir nicht. Außerdem scheint mir für die Brigitte-Leserinnen der Sexismus auch kein offener zu sein. Dann müsste ich mich fragen, warum diese Frauen die Zeitschrift trotzdem kaufen? Aus Masochismus? Da finde ich naheliegender, davon auszugehen, dass Brigitte von den meisten einfach als oberflächlicher Spaß betrachtet wird.
Es ist ziemlich egal, von wem Sexismus kommt. Um auf dieselbe Menge Sexismus zu kommen wie Brigitte, müsste sich aber z.B. der Spiegel sehr anstrengen. Was aber kaum zu erwarten steht, da Sexismus beim Spiegel nun mal nicht Geschäftsgrundlage ist.
Die aktuelle Brigitte (10/2013) enthält Werbung auf 109 Seiten. Produkte werden gezeigt, erwähnt, über sie berichtet – auch im redaktionellen Teil – auf insgesamt 179 Seiten. Dass nicht auf jeder der 222 Seiten (plus Werbebeiheftern) Werbung erscheint, verdankt sich im wesentlichen den Seiten mit Koch- und Backrezepten. Produkte, für die in der Brigitte Zielgruppe geworben wird sind ganz überwiegend Kosmetik, Anti-Aging, Haarpflege, Gewichtsreduzierung, Wellness, Mode, nur vereinzelt Veranstaltungen, Filme, Musik, Bücher. Brigitte beschäftigt sich einschließlich Werbung großteils mit dem Aussehen der weiblichen Zielgruppe (Mode, Kosmetik, Essen…). Hauptinteressengebiete sind abgesehen davon Liebesbeziehung(en) und Mutterschaft. Essen und Sport sind überwiegend auf schlank sein/werden/bleiben ausgerichtet. Mode für “Plus Size”-Frauen ist Spezialinteresse.
Allein von der Menge her wirkt die politische Berichterstattung in der Brigitte doch etwas wie ein Feigenblatt. Online ist es etwas mehr, dort gibt es Politik als Menüpunkt unter der Rubrik “Frauen”. Dennoch fällt das Angebot im Vergleich zu Brigittes Kernthemen sehr schmal aus. Schon die Astrologie/Horoskope-Ecke hat mehr Menüpunkte als die Kategorie “Frauen”, von Mode, Beauty und Figur ganz zu schweigen.
Die Frage ist darum für mich nicht, ob politische Berichterstattung in der Brigitte von ausreichender Qualität sein wird, sondern: Durch wieviel Hetero-/Sexismus muss ich blättern, um zu den 5-10 vielleicht okayen Seiten vorzudringen?
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Danke an @ekelias, @fhatti, @ffalt, @herrurbach, @kamilakepys und @Sokalist_n fürs Lektorat.









