I read Brigitte and all I got was schlechte Laune

tl;dr Über die Kritik an Brigitte, verfehlte Gegenkritik und was das mit dem NSU-Prozess zu tun hat.

[vorheriger Post zum Thema: A day in the Life of Brigitte]

Nachdem bei der ersten Auslosung der Presseplätze beim bevorstehenden NSU-Prozess vor dem OLG München ausländische Medien benachteiligt und kein einziger Platz an ausländische Medienvertreter vergeben worden war, hatte die türkische Zeitung Sabah mit einer Verfassungsbeschwerde die Wiederholung des Akkreditierungsverfahrens erreichen können. Diesmal unter der Maßgabe, mindestens 3 der 50 festen Presseplätze für türkische Medien zu reservieren. Zuvor hatten einige deutsche Medien, allen voran das Neue Deutschland, angeboten, ihre Plätze mit ausländischen Medienvertretern zu teilen. Das Neue Deutschland hat nun im wiederholten Losverfahren seine Akkreditierung allerdings verloren. Weitere überregionale Nachrichtenmedien, etwa die FAZ und Die Zeit, sind leer ausgegangen, ebenso die taz, deren Chefredakteurin eine Klage prüft. [Quelle u.a. ND]

Neben weiteren Medien, die bisher kaum durch hohe Qualität ihres journalistischen Angebots in Erscheinung getreten sind, etwa RTL2 oder das Münchner Hitradio Charivari, hat mit der Brigitte eine Frauenzeitschrift ohne ersichtlichen Nachrichtenteil einen der knappen Presseplätze ergattern können.

Nur 4 der 50 festen Presseplätze in einem Verfahren, das sich um rechten Terrorismus und eine rassistische Mordserie dreht, wurden ausländischen Medien zugelost. Die deutsche Medienlandschaft ist stark überrepräsentiert, dennoch sind große überregionale Tageszeitungen leer ausgegangen, und Medien ohne erkennbaren Nachrichtenanteil, wie die Brigitte, wurden bei der Platzvergabe berücksichtigt.

Daraufhin wurden sofort kritische Stimmen laut, die sich grob in drei Gruppen aufteilen lassen:

- Kritik an der journalistischen Qualität der Brigitte
- Kritik, Nachrichten, die man lesen möchte, in einem misogynen Kackblatt suchen zu müssen
- Herrenwitze

Daran gab es Meta-Kritik:

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Brigitte zu kritisieren sei misogyn

Weiblichkeit abwerten ist sexistisch. Um damit Brigitte pauschal gegen Kritik in Schutz zu nehmen, ist das Argument allerdings verfehlt. Es bedeutet umgekehrt nämlich gerade nicht, dass außerhalb der Kritik stehen muss, was zu Weiblichkeitsperformance führt. Damit verhindert man nicht die Abwertung von Weiblichkeit, sondern wertet Zwangsfemininität auf.

Brigitte verkauft, wie die meisten Mainstream-Frauenzeitschriften, Misogynie verpackt als Dinge, die Frauen (angeblich) Spaß machen (Anti-Falten-Cremes, Problemzonentraining, kalorienzurückhaltendes Kochen, für Männer attraktiv sein), und erklärt Frauen haarklein wie normgerechte Weiblichkeitsperformance auszusehen hat. Bei Brigitte steht Selbstoptimierung für den männlichen Blick im Mittelpunkt des Interesses. So steht z.B. völlig außer Frage, mit behaarten Beinen herum zu laufen: “Wer trägt im Sommer schon gern Pelz?” Damit macht Brigitte nicht nur Frauen, die nicht enthaaren, lächerlich, sondern lässt gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass es nicht um die Frauen selbst sondern um die Wahrnehmung durch andere geht. Wer nicht gern “Pelz” trägt, stört sich daran ja nicht nur im Sommer.

Frauenzeitschriften fördern Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Sie vermitteln sexistische Schönheitsnormen und Erwartungen, an denen Frauen fast nur scheitern können. Für die Verbreitung des Schönheitsdiktats, das Frauen dazu bringt, normgerechte heterosexuelle Weiblichkeit zu performen, sind Frauenzeitschriften signifikant mitverantwortlich.

Es ist somit eine ziemliche Fehlleistung, Kritik an Frauenzeitschriften pauschal als sexistisch zu kritisieren.

Außerdem wird das Argument “Weiblichkeit nicht abwerten” umgedreht und angewendet auf die Brigitte essentialistisch. Wer darf sprechen, wer kommt nicht vor? Brigitte selbst wertet Weiblichkeiten ab, marginalisiert, macht unsichtbar.

Brigitte-Zielgruppe sind nicht alle Frauen sondern heterosexuelle Frauen. Angesprochen sind immer Frauen, Partner sind wie selbstverständlich immer Männer. Selbst bei einer RZB-Kritik im aktuellen Heft gibt es nur zwei Optionen: Alleinleben oder (heterosexuelle) Zweierbeziehung. Damit eignet sich die Autorin eine Kritik an, die offensichtlich nicht ihre eigene ist, auf heteronormative Grenzen verkürzt und entpolitisiert. Heteronormativitätskritik als Teil der linken Kritik an der RZB wird weggelassen, da diese Normativität den Tellerrand der Autorin begrenzt. Aber man kann nicht sagen, es hätte noch nie was Kritisches über die RZB in der Brigitte gestanden.

Männer werden nicht als Leser angesprochen. Sie treten nur als diejenigen in Erscheinung, für die sich Frau ins Zeug legt (siehe Frisuren-Special: “Mein Freund findet, er hat eine neue Frau”). Der Mehrheit der Männer dürfte es leicht fallen, Brigitte nach dem Motto Frauen sind von der Venus, Männer von woanders, als seichte Unterhaltung abzutun, die sie nicht verstehen. Wird Frauen schon irgendwie Spaß machen.

Frauenzeitschriften repräsentieren nicht Weiblichkeit, sondern nur eine ganz bestimmte, die Frauen stark einschränkt.

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Brigitte zu kritisieren sei klassistisch

Da wurde etwa argumentiert, mit Brigitte, BILD und RTL2 würde man die Gesellschaft in ihrer gesamten Breite erreichen. Dieses “antiklassistische” Argument ist klassistisch. Es geht davon aus, dass Medien mit etwas höherem Anspruch als die kritisierten sich nicht für die gesamte Breite der Gesellschaft eignen. Dahinter steckt eine deterministische Auffassung von Klasse. Dass Besserverdienende zu blöd für die FAZ wären, ist da ja nicht gemeint.

Natürlich ist das Ironie, aber wer ist gemeint? Brigitte? Bild? RTL2?

Ist nur die Brigitte gemeint, dann WTF? Seit wann ist die Brigitte nicht auch für Bildungsbürgerinnen? Wie abwegig ist das, Klassismus zu sehen, wo Medien, die ersichtlich klassistisch nicht benachteiligte Frauen zu verblöden suchen, für mangelnde journalistische Qualität kritisiert werden? Brigitte wirbt – Pardon: berichtet – in der aktuellen Ausgabe über Hotels, in denen Brigitte-Leserinnen zu besonderen Konditionen Urlaub machen können: Paradiese mit Meerblick, Wellness, Spa, Champagner-Soufflé, und täglich bespielbaren 18-Loch-Golfplätzen. Die untere Mittelschicht dürfte schon Probleme haben, Brigitte-Lifestyle zu finanzieren. Zielgruppe determiniert nicht Leserschaft, dennoch: Für Klassismusbetroffene ist Brigitte-Lifestyle nicht der eigene. Das ist rein ökonomisch schon nicht machbar. Brigitte repräsentiert in keiner Weise Klassismusbetroffene. Brigitte konfrontiert nur eventuelle klassistisch Benachteiligte Leserinnen mit Erwartungen, die für sie noch weniger erreichbar sind als für nicht ökonomisch Benachteiligte. Brigitte als Zeitschrift für Klassismusbetroffene hinzustellen, weil sie hohl ist: Essentialistischer Fail sondergleichen.

Wenn BILD & Co. angesprochen sind, geht das Argument am Punkt vorbei. Ironische Polemik, geschenkt. Aber Gruner & Jahr und Axel Springer als für “Proleten” zu betrachten spricht ja schon für sich.

Die BILD bedient ganz offen Rassismus, Sexismus, andere *ismen, sie verhöhnt, stellt bloß, beleidigt. RTL2 bedient genauso Ressentiments und führt Menschen vor, die das teils nicht mal erfassen. Ziel ist dort nicht Nachrichtenvermittlung in zugänglicher Sprache und nicht zu voraussetzungsvoll – da liegt offenbar eine Verwechslung mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag vor – sondern Meinungsmache, oft Hetze. Boulevardmedien sind die mit dem niedrigen Anspruch an Wahrheitsgehalt und Sachlichkeit. Wenn ich meine Nachrichten gerne möglichst vollständig, nah an der Realität, frei von falschen Implikationen durch Weglassen oder Überbetonen, nicht emotionalisiert oder skandalisiert hätte: Schaue ich nicht bei BILD oder RTL2. Völlig egal, ob ich bei SpOnline, FAZ, taz oder der Sueddeutschen auch Berichterstattung zu lesen bekomme, die tendenziös ist oder nicht meiner Auffassung von Qualitätsjournalismus entspricht: Die Unterscheidung zwischen seriös und Boulevard ist keine willkürliche.

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Es sei problematisch und vermutlich sexistisch motiviert, dass sich die Kritik nur auf Brigitte – und nicht z.B. RTL2 oder Charivari – einschieße

So argumentiert z.B. die Mädchenmannschaft, und geht davon aus, dass Journalisten, die sich nur über die Akkreditierung der Brigitte lustig machen, “anscheinend RTL2 und die BILD als sinnvolle Berichterstatter_innen erachten”. Und weiter: “Das allein macht deutlich, worum es hier nicht geht: Qualität der berichtenden Medien.” Dem kann ich so nicht folgen. Erstens kann man nicht einfach Zustimmung aus Schweigen herleiten (Stichwort: konkludentes Handeln). Zweitens bezieht sich die Mädchenmannschaft ausschließlich auf Kritik, die der Brigitte allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauenzeitschrift ist, die Kompetenz abspricht. Dass es darüber hinaus sinnvolle(re) Kritik gab, wird nicht erwähnt. Stattdessen erklärt die Mädchenmannschaft, dass es bei der Brigitte tatsächlich einiges zu kritisieren gäbe.

Männerverein Carta.info glaubt zu wissen, dass es lediglich sexistisch motivierte Kritik in der Richtung “Igitt, eine Frauenzeitschrift” gab, und fordert “Lasst ‘Brigitte’ in Ruhe!“. “Frauen stellen 51 Prozent der Weltbevölkerung. Was also ist daran auszusetzen, wenn sich eine Zeitschrift, die sich primär an Frauen richtet, mit dem Prozess befasst?” Dass nicht 51 Prozent der Weltbevölkerung Zielgruppe für Frauenzeitschriften ist, wäre zumindest eine Anmerkung wert.

Gute Kriterien zu finden, unter welchen Umständen ein Medienorgan der Berichterstattung “würdig” ist, dürfte äußerst schwierig sein. Wovon aber beide hier nur beispielhaft mit der Argumentationslinie zitierten Blogs ablenken, ist, dass das eigentliche Problem darin besteht, dass nicht genügend Plätze für Prozessbeobachter*innen zur Verfügung gestellt werden.

Carta bestreitet das zwar (“Nicht vergessen, neben der Brigitte werden noch 34 andere deutsche Medien exklusiv berichten”), führt sich aber mit der Bezeichnung “exklusiv” gleich wieder ad absurdum.

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Der Unterschied im journalistischen Qualitätsmangel der Brigitte zu sogenannten “Qualitätsblättern” sei nicht so hoch, wie unterstellt würde

… auch in jenen fänden sich Homestories und Lifestyle-Berichterstattung über die Zschäpe-Anwältin und ähnliche Peinlichkeiten.

Was heißt das jetzt genau? Da auch Spiegel & Co. sexistisch schreiben ist das bei der Brigitte nicht so schlimm? Eher doch das Gegenteil: Wenn man ein Problem mit Sexismus hat, spricht nicht für Brigitte, dass andere genauso schlimm sind (mal für den Moment dahingestellt, ob das wirklich so ist), sondern gegen die anderen.

Offenen Sexismus als weniger schlimm zu bewerten als versteckten erschließt sich mir nicht. Außerdem scheint mir für die Brigitte-Leserinnen der Sexismus auch kein offener zu sein. Dann müsste ich mich fragen, warum diese Frauen die Zeitschrift trotzdem kaufen? Aus Masochismus? Da finde ich naheliegender, davon auszugehen, dass Brigitte von den meisten einfach als oberflächlicher Spaß betrachtet wird.

Es ist ziemlich egal, von wem Sexismus kommt. Um auf dieselbe Menge Sexismus zu kommen wie Brigitte, müsste sich aber z.B. der Spiegel sehr anstrengen. Was aber kaum zu erwarten steht, da Sexismus beim Spiegel nun mal nicht Geschäftsgrundlage ist.

Die aktuelle Brigitte (10/2013) enthält Werbung auf 109 Seiten. Produkte werden gezeigt, erwähnt, über sie berichtet – auch im redaktionellen Teil – auf insgesamt 179 Seiten. Dass nicht auf jeder der 222 Seiten (plus Werbebeiheftern) Werbung erscheint, verdankt sich im wesentlichen den Seiten mit Koch- und Backrezepten. Produkte, für die in der Brigitte Zielgruppe geworben wird sind ganz überwiegend Kosmetik, Anti-Aging, Haarpflege, Gewichtsreduzierung, Wellness, Mode, nur vereinzelt Veranstaltungen, Filme, Musik, Bücher. Brigitte beschäftigt sich einschließlich Werbung großteils mit dem Aussehen der weiblichen Zielgruppe (Mode, Kosmetik, Essen…). Hauptinteressengebiete sind abgesehen davon Liebesbeziehung(en) und Mutterschaft. Essen und Sport sind überwiegend auf schlank sein/werden/bleiben ausgerichtet. Mode für “Plus Size”-Frauen ist Spezialinteresse.

Allein von der Menge her wirkt die politische Berichterstattung in der Brigitte doch etwas wie ein Feigenblatt. Online ist es etwas mehr, dort gibt es Politik als Menüpunkt unter der Rubrik “Frauen”. Dennoch fällt das Angebot im Vergleich zu Brigittes Kernthemen sehr schmal aus. Schon die Astrologie/Horoskope-Ecke hat mehr Menüpunkte als die Kategorie “Frauen”, von Mode, Beauty und Figur ganz zu schweigen.

Die Frage ist darum für mich nicht, ob politische Berichterstattung in der Brigitte von ausreichender Qualität sein wird, sondern: Durch wieviel Hetero-/Sexismus muss ich blättern, um zu den 5-10 vielleicht okayen Seiten vorzudringen?

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Danke an @ekelias, @fhatti, @ffalt, @herrurbach, @kamilakepys und @Sokalist_n fürs Lektorat.

A day in the Life of Brigitte

tl;dr Für Frauen oder misogynes Kackblatt? Ich las Brigitte und das stand drin.

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This looks shopped. (Erinnert mich an das)

 

Seite 2
Werbung. Ein sehr weißes Model präsentiert eine Hautpflegeserie “Pur Sensity” [sic].

Seite 3
Editorial. Chefredakteur*innen Stephan Schäfer und Brigitte Huber, schreiben unter “Er sagt” / “Sie sagt” je was eigenes. He lost me at “Spargel”, she lost me at “für mich als Ovo-Lacto-Vegetarierin mit Erdnussallergie”. Dazu Werbung: Eine Tüte Waschmittel unter der Überschrift “Die neueste It-Bag”. Ich verstehe den Witz nicht.

Seite 4-5
Werbung für eine lila-rosa Dusch- und Badeserie “Sinnliche Verführung”. Mit QR-Code.

Seite 6-7
Inhaltsverzeichnis. Auf Seite 160 werde ich erfahren, wie man (eher frau) mit Flieder dekoriert. Ein blondes weißes Model mit gesenktem Blick Marke scheues Reh kündet in weißem Sommerkleid und mit weißer Handtasche von der Modestrecke: Weiße Sachen für den Sommer. Spargel, Frisuren, Rabatte auf Urlaub, ein Bericht über “Die Bodyguards vom Tahrir Platz” und ein Dossier “Wo sind bloß die guten Männer?”

Seite 8-9
Ein Feature über Christiane Woopen (50), Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Mutter, Medizinerin, Professorin an der Uni Köln, Philosophin. Und Trägerin echt vieler Distinktionsmarker.

Seite 10
Ein Cartoon namens “Ein Paar Probleme” von Peter Gayman. Ein Hetero-Paar kommt aus dem Kino. Er meint, die Dialoge des Films seien unrealistisch gewesen. Sie fühlt sich an ihre Beziehung erinnert. Ich verstehe den Witz nicht.

Seite 11
Werbung. Das Photoshop-Pendant von Andie MacDowell erklärt: “Ich bin 54, sehe aber aus wie 44.” Frau bekommt von der angepriesenen Creme angeblich 90% glatter wirkende Haut (Quelle: 51 Frauen, Selbstbeurteilung). Not buying it.

Seite 12
Leserbriefe zum Thema Kinderbetreuung, alle Einsendungen von Frauen. Eine Mutter erklärt, sie und ihr Mann würden nicht schlecht verdienen, aber beide arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Die Kinder gehen in Krippe und Kindergarten. Sie ist für frühzeitige Förderung und mag sich nicht mit “den Vorwürfen der Supermütter, konservativen Großmütter und ungefragten Besserwisser” rumschlagen. Die nächste Einsenderin erklärt, wenn sie sich für Kinder entscheide “dann möchte ich doch nicht, dass sich nur der Staat um sie kümmert” und findet, dass Eltern die beide Vollzeit arbeiten, um sich “vier bis fünf Urlaube im Jahr und jede Menge Statussymbole” leisten zu können “der falsche Weg in unserer Gesellschaft” seien. Eine andere Mutter, alleinerziehend mit “spannende[m] Vollzeitjob” ist auf eine Kinderfrau angewiesen. Die Nächste wünscht sich “Entscheidungsfreiheit, mich selbst um mein Kind kümmern zu dürfen”, frühkindliche Bindung, eine Bezugsperson, yada yada. Eine weitere Einsenderin regt sich auf, dass “Familien mit einem anderen Lebensmodell in ein schlechtes Licht gerückt würden, und fordert “Porträtiert doch mal eine gesunde [sic] Familie, in der die Kinder zu Hause betreut werden”. Die letzte Leserbriefschreiberin erklärt, dass Kita- und Hort-Zeiten ein Witz seien angesichts ihrer Arbeitszeiten und der vieler Mütter, die im Handel arbeiten.

Seite 13
Werbung für Schuhe.

Seite 14-15
Trends & Tipps & Termine. Mittelalte Hipster in einer Galerie looking at things. Internationale Gartenschau, Designerlampen, die wie Vögel aussehen für 128 Euro, 9 “Lovestorys” in Buchform, Filmankündigung zu “I, Anna” mit Charlotte Rampling und David Byrne unter der Überschrift “Mama ist die Beste!”.

Seite 16
Magazin. Weiße kurze Kleidchen, goldene High Heels, bunte Flüssigseifen.

Seite 17
Werbung für einen Juwelier. Junge Mutter mit Tochter auf dem Arm. “Am 12. Mai ist Muttertag”.

Seite 18-20
Magazin. Unter der Überschrift “Schweretönerin” wir erklärt “Gewichtsmäßig hat sich Alison Moyet seit ihren Yazoo-Zeiten in den 80ern halbiert”. Der andere Satz handelt von ihrer Musik. Kenzo verkauft hässliche Sneakers, irgendwelche Promis verkaufen Wein, ein Hersteller von Zelten verkauft Campingzelte im Zirkusdesign. Weitere “Berichte” über Trinkbecker für unterwegs, Kaugummis für den guten Zweck und ein Kinderbuch “berichtet”. Alles mit Preis und Bezugsquelle. Ein Salat-Rezept (“Asia Quickie”). Dazwischen Werbung. Ein Model mit so viel Haaren, dass man die Kopierstellen suchen möchte, versucht, Shampoo an die Frau zu bringen.

Seite 21
Werbung für Haferflocken, “Brigitte und Kölln suchen die besten Frühstücksrezepte”.

Seite 22
Kolumne. Brigitte Redakteurin Meike Dinklage schreibt “Eine Frau hat keine Lust, Karriere zu machen – Geht das nur mir so?” Ihr Bekannter Theo frage sich, ob mit seiner Frau alles in Ordnung sei, diese habe keine Lust auf Karriere. Nicht alle Frauen wollen sich “Marissa-Mayer-mäßig” allen “denkbaren Doppel- und Dreifachbelastungen aussetzen”, erklärt die Autorin. Von 300 befragten Managerinnen fühlten sich 300 mit 50 “verschlissen”. Weiblicher Führungsanspruch verwirre Männer. Viele Frauen würden glauben, dass “Karriere-Wollen” ein “feministisches Statement” sei, “ein Muss”. Aber das wäre nicht so, Karriere “kein verpflichtendes Lebensmodell”. Wenn ich da jetzt Rückschlüsse auf die Zielgruppe ziehen müsste, fallen mir zwei Möglichkeiten ein: Wer sowas erklärt braucht, ist entweder sehr dumm oder sucht Bestätigung für eine bereits vorhandene Meinung. You do the math.

Seite 23
Werbung. Geboten wird ein 5 in 1 Augenpartie Perfektionier-Roll-On BB Blemish Balm. Das weiße Model hat tatsächlich sehr helle Haut und keine Augenringe. Ich habe keinen QR-Code Reader zur Hand, aber auch nicht wirklich Interesse an weiteren Infos, Videos und Testberichten.

Seite 24-32
Mode: Florale Muster. Ein Model Typ Jessa von Girls zeigt am Strand Großgeblümtes, Mittelgeblümtes und Kleingeblümtes, das als “romantisch”, “sexy” und “trendy” bezeichnet wird, mit Preisen und Bezugsquellen. Für maximale Blumigkeit gibts dazu geblümte Unterwäsche.

Seite 33
Werbung für Schuhe. Obligatorischer QR-Code.

Seite 34-36
Mode. Ein blondes weißes Model präsentiert weiße Pullis, weiße Hosen, weiße Tops und weiße Kleider zum “kaufen oder bestellen”.

Seite 37
Werbung. “Fußkraft Soft Feet Creme”. QR-Code für diejenigen, die nicht sofort überzeugt sind, dass man sowas braucht.

Seite 38
Mehr Mode, natürlich weiß.

Seite 39
Werbung. “Der erste lösliche Kaffee mit 15% Röstkaffee”, die “Innovation im Kaffeeregal”.

Seite 40
Sehr bunte Armbanduhren für 70 – 660 Euro.

Seite 41
Werbung für einen Herd, der sofort heiß wird und sofort wieder kalt.

Seite 42-53
Interviews mit sechs Frauen aus der Schmuckbranche zum Thema Schmuck. Dazwischen Werbung für Schmuck, eine Anti-Hornhaut-Creme für die Füße (mit Pröbchen), nochmal Schmuck, Mini-Pralinen in pinker Schachtel und ein Versandhaus.

Seite 54-63
Mode Big. Ein weißes blondes “Plus Size” Model, präsentiert elegante Outfits und trägt dazu strenge Dutt-Frisuren oder 50er-Jahre-Filmdiva-Wellen. “Wer schöne Kurven hat, sollte sie auch betonen” steht gleich zu Anfang, dann aber leicht widersprüchlich “Dunkle Töne haben für die Silhouette einen ähnlichen Effekt wie Schwarz – sie machen schmal”, “hohe Taille und fließende Stoffe verlängern die Optik”. Dazwischen Werbung für Silbershampoo mit 50+ Models, Katzenfutter, Anti-Falten-Creme und ein auf große Größen spezialisiertes Versandhaus.

Seite 64
Porträt Robert Downey Jr. Nichtssagend, aber Iron Man 3 kommt gerade ins Kino.

Seite 65
Porträt Naomi Wolf. Die “berühmte amerikanische Autorin, Feministin, Gesellschaftskritikerin und Occupy-Aktivistin” hat ihr aktuelles Buch anzupreisen: Vagina. In dem erklärt sie, dass es eine Verbindung von der Vagina zum Gehirn gibt. Wurde in feministischen Publikationen bereits hinreichend verrissen. Wer nicht weiß, warum Wolfs Feminismus insgesamt so gar nicht geht, googelt einfach Naomi Wolf Assange.

Seite 66-70
Ein Feature über Agneta Fältskog (Ex-Abba), die als zu schick angezogen beschrieben wird, über die Schattenseiten des Ruhms, Beziehungen und ein zurückgezogenes Leben trotz neuer Platte. Dazu Werbung für Gesundheitsschuhe.

Dazwischen geheftet:
Ein Peek & Cloppenburg Werbeprospekt.

Seite 71
Impressum, Brigitte-Service, Rätsel-Auslösung.

Seite 72
Werbung für “Das Mütter-Mafia Buch”.

Seite 73-77
Kultur, Filme, Musik. Unter “Bist du’s, Adele?” wird erklärt, bei Sängerin Miriam Bryant habe man das Gefühl, dass die CD im Presswerk falsch beschriftet worden sei. Unter “Bücher” findet sich nichts, was ich akut auf die Leseliste setzen würde. Dazu gibt’s Baileys Werbung. Vielleicht, um sich den Familienroman von Lynn Ullmann schön zu trinken. Rosenstolz, Kennichnich, Niegehört und Justin Timberlake haben neue Alben. Im Filmtipp kuschelt eine tätowierte Frau nackt mit einem bärtigen Hipster, in der neuerlichen Gesundheitsschuhwerbung kuschelt eine Frau angezogen mit einem bärtigen Hipster.

Seite 78-90
Frisuren. “Einmal alles anders, bitte”. Meine Klischee-Senses kitzeln. Eine 42jährige Heilpädagogin möchte sich nach arbeitsintensiven Jahren mehr um sich kümmern und erklärt “Eine neue Frisur wäre da ein guter Anfang”. Ihre langen Haare fand sie schön, doch “mit kurzen fühle ich mich einfach fröhlicher”. Eine Studentin und Modebloggerin aus Hamburg bekommt ihre Haare zu einem Long-Bob gekürzt. “Weniger Styling-Aufwand, mehr Freiheit”. Eine 32jährige Redakteurin bekommt statt einfach nur langen Haaren einen “eher ungepassten Schnitt”. “Mein Freund findet, er hat eine neue Frau”. Eine 29jährige Schauspielerin bekommt einen Pony. Eine 20jährige Praktikantin wechselt von langen braunen Haaren zu kurzen blonden. Sie hätte schon immer einen Kurzhaarschnitt haben wollen, aber Friseure hätten ihre abgeraten, weil sie “so schönes langes dunkles Haar” hätte. Die mutigeste Entscheidung der Aktion nennt das Brigitte. Eine PR-Redakteurin lässt sich die Haare rot färben und ist “unglaublich froh, denn das hier bin jetzt wirklich ich: frech und tough”. Dazwischen Werbung für Haarpflege, Deo und mehr Haarpflege.

Seite 91
Ein international bekannter Hair Artist, den ich nicht kenne, erklärt zu Farbwechseln, “Es ist nie gut, sich zu weit von seiner eigenen Persönlichkeit zu entfernen”. Dann Werbung für Kapseln, die mehr Haarfülle machen sollen.

Seite 92
Wie gefährlich sind Gel-Nägel? Könnte Leute mit Gel-Nägeln interessieren. Ich passe.

Seite 93
Werbung für eine Creme gegen Pigmentflecken und für ebenmäßigeren Teint.

Seite 94
Bestelladressen für den Kram vorher.

Dazwischen geheftet:
Werbung für Haarfarbe. Die absolute Innovation der Coloration.

Seite 95
Kreuzworträtsel. Es gibt ein Besteck-Set zu gewinnen.

Seite 96-97
Beauty Enthaarung. “Wer trägt im Sommer schon gern Pelz?” Dann kann frau ihren Enthaarungstyp bestimmen und sich “inspirieren” lassen, ob Nassrasierer mit Pflegeaufsatz, Enthaarungscreme, Waxing oder Epilierer eher ihr Ding ist. Für “Technikverliebte” gibt es IPL (Intense Pulsed Light) Geräte jetzt auch für zu Hause. Dazu Werbung für eine Hautbild verfeinernde elektrische Gesichtsbürste. Werbung für Enthaarungsprodukte gab’s schon im redaktionellen Teil.

Seite 98-99
Werbung für kussechte 24h-Lippenstifte. Claudia Schiffer schmachtet mit offenem Mund einen tropfenden Wasserhahn an. Ich verstehe weder das Produkt noch ist mir die Sexualisierung von Wasserhähnen so direkt zugänglich.

Seite 100-101
Beauty News. Hier wird über Kosmetikprodukte “berichtet”. Dazu Anzeigen für Diätpulver (“Das ABC zum nachhaltigen Abnehmen”) und eine Creme gegen Lippenherpes.

Seite 102
Beauty Trends. Wir lernen, welche Mascara welche Dinge kann, und dass besonders starkes Deo besonders stark ist. Außerdem, dass Twitteraccounts von Angelina Jolies Bein und anderen Körperteile von Stars existieren. Letzteres wussten die meisten mit Internetanschluss wahrscheinlich schon. Dazu Shampoo-Werbung (“Lösche Schäden aus 1 Jahr in nur 3 Anwendungen”), ein Photoshopdesaster mit QR-Code.

Seite 104
Werbung für die Veranstaltung “Brigitte Live” mit Ursula von der Leyen “Persönlich. Kritisch. Hinterfragt. Live.” am 24.05.2013 in Hamburg.

Seite 105-114
Dossier “Wo sind bloß die guten Männer?” Schon die Einleitung ist falsch auf sechzehn Ebenen: “Singlefrauen-Stoßseufzer: ‘Ich lerne niemanden mehr kennen’ – zumindest nicht den Richtigen”. Ein Dossier über “Kennenlern-Mythen. Und wie es wirklich ist.” soll das sein.

Mythos 1, “Die richtig guten Männer sind ab einem bestimmten Alter alle vergeben”, kontert Brigitte mit “Ein Mann, der mit 40 noch auf dem Markt ist, muss nicht unbedingt einen an der Waffel haben”. Eine Psychologin erklärt “ein beziehungsfähiger Mann legt sich in der Regel früher fest, weil er in der Lage ist sich zu entscheiden”. Bei Frauen ist es dann aber wieder anders: “Schließlich sind wir ja auch ziemlich gute Frauen, obwohl wir uns bis Ende 30 noch nicht festgelegt haben. Wir haben vielleicht eine klitzekleine Meise. Und ein bisschen mehr Freiheitsdrang als andere. Aber das ist jetzt überhaupt nicht pathologisch.” Da würde ich doch sehr bitten, nicht von der eigenen “Meise” auf andere zu schließen.

Mythos 2 lautet “Es muss gleich richtig funken” und eine (andere) Psychologin “entkräftet” diesen mit einem Plädoyer für mehr Männer im Freundeskreis und rät u.a. zu offenen Yogazentren statt immer derselben Gruppe. Zum Fußball gehen, wenn sie sich nicht dafür interessiert, soll sie aber nicht.

Mythos 3 “Online-Dating ist schrecklich unromantisch”. Dem tritt ein Brigitte-Redakteur entgegen, der zufällig gerade ein Buch zum Thema “Romantik 2.0″ zu verkaufen hat. Unter “Do’s [sic] and Don’ts beim Online-Dating” wird u.a. erklärt, dass Frauen mit polarisierenden Profilbildern, die entweder sehr oder überhaupt nicht attraktiv gefunden werden, mehr Zuschriften erhalten. Polarisierend aussehen scheint also ein “Do”. Wie frau das schafft bleibt unklar.

Mythos 4 “Es gibt so viele Idioten da draußen”. Ein Mann, der sich nach einem One Night Stand nicht entscheiden kann, ob er sein Frühstücksei hart oder weich möchte, wird als “nun ja: ein Weichei” bezeichnet. “Daumen runter” gehe bei ihr “verdammt schnell” erklärt die Autorin: “Entscheidungsschwäche, hässliche Schuhe, schlechte Witze, falsche Bemerkung, Bildungslücken – und ich bin raus”. Beim Friseur hatte die Autorin mal “einen Typen angeschmachtet, der dem Ingwer einen falschen Artikel zuordnet”.

Mythos 5: “Bloß keinen Kinderwunsch erwähnen”. Wir lernen: “Aus irgendeinem Grund sind Männern Frauen suspekt, die Kinder haben wollen. Solche, die keine wollen, aber auch.” Wie man “da raus kommt”, weiß Brigitte nicht. Dafür weiß sie, dass man keine Kinder kriegen muss um sich vollwertig zu fühlen. Ist jetzt nicht neu, aber irgendwie muss man ja so ein witzloses Dossier mit Zeichen füllen.

Mythos 6 “Wenn man länger als 5 Jahre allein ist, verlernt man das Verlieben”. Eine Sachbearbeiterin aus Bergisch-Gladbach klärt auf: Das stimmt überhaupt nicht. Weiter.

Mythos 7 “Ab 40 wird es immer schwieriger, noch jemanden kennen zu lernen”. “Bullshit”, sagt eine amerikanische Beziehungsexpertin, die ein Buch namens “Schluss mit Single über 40″ geschrieben hat. Ich verstehe nicht mal den Titel. Sie empfiehlt, eine “neue, intimere Art von Liebe, in der es weniger um Rollen geht als um dich und ihn und das Dazwischen”. Damit meint sie, dass Frauen ab 40 keine Kinder mehr kriegen: “Liebe, die nicht mehr ernähren und erziehen muss”. Und überhaupt: “Männer lieben Frauen, die Sex gut finden”.

Mythos 8: “Zu einem glücklichen Leben gehört eine Beziehung”. Hier plädiert die Brigitte-Autorin für “eine Welt ohne ‘RZB-Norm’”, in der Alleinleben als “genauso normal” akzeptiert würde wie die romantische Zweierbeziehung, und kotzt sich aus über Freund*innen, die fragen, ob “der Typ da” nicht was für sie wäre, oder Möbelpacker, die sie fragen, was sie abends so macht, ohne Mann. Sie könne einen nicht verwandten Menschen aufrichtig lieben aber “keinen Sex (mehr) mit ihm haben” oder mit einem bestimmten Menschen immer wieder Sex haben ohne den Drang ein gemeinsames Eigenheim zu bauen oder jeden Abend nebeneinander einzuschlafen. Über einen Genervte-Hetera-Single-Tellerrand geht die Kritik der Autorin an der RZB aber nicht hinaus: “Ich behaupte nicht, dass das Leben in einer RZB nicht trotzdem sehr glücklich sein kann, verliebt sein ist nun mal verdammt großartig”. Was die eigentlich (linke) Kritik an der Praxis der RZB ist, wurde anscheinend nicht so ganz erfasst [hier]. Daneben: Werbung für Fernsehlottiere-Lose.

Seite 115-116
Aktuell Internet: “Wenn der Hass explodiert”. Ein nicht allzu differenzierter Artikel über Shitstorms im Netz, den man so oder so ähnlich schon drei Dutzend mal gelesen haben kann, ausgeschriebene sexistische Beschimpfungen inklusive. Daneben: Werbung für ein Naturheilmittel gegen Stress und Erschöpfung.

Dazwischen geheftet:
Werbeprospekt für Sommerkleider. Mit obligatorischem QR-Code.

Seite 131
Horoskope.

Seite 132-134
Reportage Ägypten. “Wir kämpfen gegen ein Monster”, eine Reportage über die Tahrir-Bodyguards, eine Gruppe von 120 Menschen, die versuchen, Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

Seite 135
Werbung für Basica Intensiv-Kur, mit Testimonials begeisterter Brigitte-Leserinnen (“Bin total begeistert, mir geht’s richtig gut”) und QR-Code.

Seite 137
Kleinanzeigen. “Diät-Hotels” haben eine eigene Kategorie. Unter “Gesundheit” wird Ostseeurlaub mit Weight Watchers beworben. Fernlehrgänge zur Kosmetikerin, Wellness- oder Ernährungsfachfrau. Unter “Freundschaft” wird eine Telefonnummer geboten, wo man(n) unverbindliche nette Singles kennenlernen kann (für Frauen kostenlos).

Seite 139
Werbung für Geo Epoche, einen Kunstgeschichtsband über Rembrand, Rubens und Vermeer. Welch Abwechslung.

Seite 140-141
Wer Brigitte probe-abonniert bekommt eine Tasche oder eine Uhr dazu.

Seite 142-157
Werbung, nein Berichterstattung, über zehn verschiedene Hotels, in denen Brigitte-Leserinnen zu besonderen Konditionen Urlaub machen können. Paradiese mit Meerblick, Wellness, Spa, Champagner-Soufflé, und täglich bespielbaren 18-Loch-Golfplätzen [Gruß an die mit den Klassismusvorwürfen!]. Dazwischen Telekom Werbung (“Mit dem besten Netz haben Sie Ihr Bücherregal immer dabei”), Bahncard, Naturkosmetik, Geo Saison Extra “Südtirol”, Waschmittel, Halsbonbons, und Gesundheits-Sandalen.

Seite 158-159
Reise Kurztrip: Brighton. “Altes Seebad, schrille Künstlerszene, coole Boutiquen”. Brigitte erklärt, wo frau “stylish wohnen”, Kuchen essen, shoppen und “Kunst erleben” kann.

Seite 160-167
“Wenn der Flieder wieder blüht…”. Brigitte erklärt, wie man aus Flieder Sträuße, Girlanden und Getränke macht. Dazwischen Werbung für Landschaftsarchitektur und Staubsauger für Tierhaarallergiker*innen.

Seite 168
Wohnen Selbermachen. Wie man Basttaschen verschönert.

Seite 169
Werbung für die Gala Style.

Seite 170
Die kleine Brigitte. Ein Suchbild für Kinder.

Seite 171
Werbung für eine Bausparkasse.

Seite 172
Aktuell Auto. Mit einem “wahnsinnig gut” aussehenden Mercedes Coupé für ca. 61.800 Euro lassen sich 40 Kisten Wein auf einmal transportieren. Preis/Leistung: “Schönheit kostet”. Der Opel SUV ist deutlich günstiger und “passt zu jedem Outdoor-Hobby”.

Seite 173-178
Werbung für Bijou Brigitte “50 Kisses”. Pastellfarben Overload. Da ist ein Cupcake im QR-Code.

Seite 179-180
Brigitte Live. Interview mit Sahra Wagenknecht: “Wie anstrengend ist es, Sahra Wagenknecht zu sein?” Wagenknecht: (lacht) “Da muss man durch”. Nächstes Mal: Angela Merkel (obligatorisches Foto, wo sie diese Handgeste von ihrem Heimatplaneten macht).

Seite 181
Werbung für die Aktion Mensch.

Seite 182
Gesundheit. Für nur 4,49 fürs iPhone bzw. 6,99 Euro fürs iPad gibts eine GU-Meditationsapp (was auch immer das ist). Außerdem: Obst essen senkt das Heuschnupfenrisiko, Kapuzinerkresse ist Arzneimittelpflanze des Jahres 2013, Haferflocken gibts jetzt auch mit Schoko.

Seite 183
Werbung. “Vagisan Feuchtcreme” sei für viele, auch junge, Frauen eine Alternative zu Gleitgel, denn sie muss nicht erst unmittelbar vor dem Intimverkehr aufgetragen werden. Für den “Intime[n] Kauf ohne Worte” gibt es unten einen Schnipp zum abtrennen und peinlich berührt in der Apotheke rüberreichen.

Seite 184-187
Gesundheit Hirnforschung. Eine Frau unterhält sich mir ihrem Gehirn. Dazwischen Werbung für ein Best of Apotheke: Ein Mittelchen für besseres Gedächtnis, eins für bessere Verdauung und ein Schmerzmittel.

Seite 188-189
Gesundheit Training. “Mann, könnt ihr das gut”. Was Frauen von Männern lernen können. “Ziel 1: Straffer werden”, “Ziel 2: Stärker werden”, “Ziel 3: Schlanker werden”, “Ziel 4: Fitter werden”. Lese ich mir mal nicht durch. Daneben: Schon wieder Werbung für diese Basica-Kur.

Seite 190-191
Gesundheit Sport-Ernährung. “Fit ohne Kohlenhydrate”. Daneben: Werbung für Vitamin D Tabletten.

Seite 192-193
Brigitte-Abo, wenn noch jemand interessiert ist. Gibt Prämien.

Seite 194-211
Kochen Spargel. Jede Menge Fotos und Rezepte mit… Spargel. Dazwischen: Werbung für einen Meeresfrüchte-Anbieter, Küchenrollen, löslichen Kaffee, Milchprodukte, Marzipan, Frikadellen, Gebäck, laktosefreie Milchprodukte, Kaffee. Und passend zum Spargel ein Brigitte-Probierpaket Weißwein. Not sure if Werbung.

Seite 212
Werbung für die Zeitschrift Essen & Trinken.

Seite 213-214
Kochen Schnelle Rezepte.

Seite 215
Werbung für die Zeitschrift Geo.

Seite 216
Kochen Klassiker. “Der perfekte Streuselkuchen”.

Seite 217
Werbung für die Zeitschrift Couch, “Das Wohn & Fashion-Magazin”

Seite 218
Werbung für die Zeitschrift Geo Saison New York.

Seite 219
“Jetzt auf Brigitte.de”: Fitness-Trends, Schuhe, Pancakes. Eins passt nicht in die Reihe.

Seite 220-221
Brigitte Ausblick. Vorschau auf die nächste Ausgabe. Weiße Kleider, Blumiges, Schmuck. Beauty: Sonnenschutz.

Seite 222
Ildikó von Kürthy verdirbt mit dem Artikel “Problemzonen” über “Emanzipation von Männern und Frauen” zum Abschluss nochmal die Laune. Die Macht der Männer möchte sie nicht geschenkt haben, der Preis dafür sei ihr zu hoch. Familien, bei denen der Mann nicht in der Lage sei, seine Kinder eine Woche allein zu versorgen, dürften sich nicht emanzipiert nennen. Was ist heute Emanzipation, fragt sie. Beantwortet wird das von “Wir Alphamädchen”-Autorin Meredith Haaf, die erklärt “Eine Frau ist emanzipiert, wenn sie finanziell unabhängig ist und sich von fragwürdigen Rollenerwartungen befreit. Dasselbe gilt für Männer.” Wie selbstverständlich ist im Text von Frauen und “dem Partner” die Rede. Und “zur Emanzipation gehört eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die über das Sitzen auf Spielplätzen hinausgeht.”

Seite 223
Werbung für Bio-Schorle. Mit QR-Code.

Rückseite:
Werbung für Anti-Aging-Creme mit Julianne Moore, die ohne ihre Sommersprossen nicht wie sie selber aussieht.

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Danke an @ekelias, @fhatti, @ffalt, @herrurbach, @kamilakepys und @Sokalist_n fürs Lektorat.

Dove Real Beauty: Es liegt an uns, nicht an Sexismus

tl;dr Wer’s glaubt.

Imagine a world where beauty is a source of confidence, not anxiety.

Women are their own worst beauty critics. In fact, only 4% of women around the world consider themselves beautiful. Dove is commited to building positive self-esteem and inspiring all women and girls to reach their full potential. That’s why we decided to conduct a compelling social experiment that proves to women something very important: You are more beautiful than you think. (Dove Real Beauty Sketches)

Die “Real Beauty”-Kampagnen von Dove werden seit ihrem Start 2004 abgefeiert wie geschnitten Brot. Die neueste Viralkampagne – seit Montag über 9 Millionen Klicks bei Youtube – wird auch in feministischen Blogs gelobt, dass es die wahre Freude ist. Wenn man an Doppelstandards Freude hat.

Im aktuellen Clip “Real Beauty Sketches” fertigt ein früherer FBI-Zeichner jeweils Portraits von Frauen einmal nach deren Selbstbeschreibung und einmal nach der Beschreibung einer anderen Teilnehmer*in am “Experiment” an. Überraschung: Die Teilnehmerinnen beschreiben sich wesentlich zutreffender gegenseitig als selbst. Fazit: Frau ist schöner, als sie denkt.

Mit emotionaler Klaviermusik unterlegt zeigt uns Dove: Wir sind gar nicht so hässlich, wie wir denken. Wir machen es uns nur selber schwer. Wir haben da irgendwie Issues.

2004 ist “Real Beauty” gestartet mit Frauen in diversen Größen und Formen, die in Unterwäsche rumturnten: Dick, dünn, mittel, weiß, schwarz, braun. Und für die Quote auch mal eine mit kurzen Haaren. “Dick” war aber bei Größe paarundvierzig schon wieder zu Ende, und man beschränkte sich darauf, nur solche Frauen zu zeigen, die ziemlich gut in Form waren: Flacher Bauch, keine “Problemzonen”, Dellen oder Dehnungsstreifen. Alle jung, alle schön. Und damit Dünne auch was zum Ärgern hatten: Zu “Real Beauty” gehörten die Frauen, die sonst immer gezeigt werden, aus irgendwelchen Gründen nicht dazu.

dove_real_beauty_1

2006 erklärte uns “Dove Evolution“, wie ein normschönes Model trotz Riesenaufwand mit Haaren, Make-Up, Studiobeleuchtung noch bis zur Unkenntlichkeit gephotoshoppt werden muss, damit es für Plakatwände reicht.

2007 wendete sich Dove-Printwerbung mit den Fragen “single eyelids?” oder “twice as nice?” und dem Untertitel “When surgery adds an extra eyelid, does it remove your identity?” gegen Lidchirurgie bei (ost-) asiatischen Frauen. Da durfte man sich schon fragen, ob so eine Frage wirklich bei Frauen, die sich u.a. durch die Schönheitsindustrie dem Zwang ausgesetzt sehen, einem weißen europäischen Schönheitsideal zu entsprechen, an die Richtigen adressiert ist.

Ebenfalls 2007 fragte Dove “dark?” oder “dazzling?”, “How long will we go on believing that only fair skin is beautiful?”. Bis heute verkauft Unilever “Fair and Lovely” Hautaufhellungsprodukte.

Jetzt erklärt Unilever im Rahmen der “sozialen Mission” von Dove “Real Beauty”, die da lautet, den Schönheitsbegriff auszuweiten: Frauen sind schöner, als sie selber denken. Sie müssen nur dran glauben.

Für diejenigen, die jetzt tatsächlich geglaubt haben, Unilever hätte sowas wie ein soziales Konzern-Gewissen, hier nochmal zur Erinnerung und zum auf den Teppich kommen Frauenbild und Schönheitsbegriff für die Marke ”Axe”:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Da würde ein Unternehmen mit sozialem Gewissen anfangen. Und nicht damit, in Viralvideos Frauen über ihr geringes Selbstwertgefühl aufzuklären.

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Danke an @kamilakepys fürs Lektorat.

Nett ist nicht genug

tl;dr Wenn man den sozial konstruierten Teil von Klasse abschafft bleibt immer noch zu viel Klasse übrig.

ten1000spoons hat gestern Regenbogenmaschine hat heute eine Art “Derailing für Commies” veröffentlicht, an dem mich als Antikapitalistin ca. alle Punkte stören. Beschäftigen werde ich mich mit dem Text insbesondere bezüglich der Frage, ob Klasse ein soziales Konstrukt ist. Davor aber noch zu zwei, drei anderen Sachen.

Über den gefühlten Ton von Leuten zu spotten (“Lies doch erstmal Theoriiiiiiieeeeee”), denen man an anderer Stelle erklärt, das Tone Argument sei “per se klassistisch”, nun ja, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Eine “bürgerliche Empörung über vermeintliche Geschichts- und Theorielosigkeit” zu beklagen, wo Leute lediglich darauf hingewiesen haben, dass es wenig Sinn ergibt, sich über nicht gelesene Theorie abfällig zu äußern (und dann teilweise noch unwissentlich darauf Bezug zu nehmen), qualifiziert sich schon als ignorant. Vor allem, wenn die Bürgerlichkeit der Kritiker*innen des Theorie-Gebashes, weil bei den meisten nicht existent, an den Haaren herbeigezogen werden muss – mit der Unterstellung, diese seien an bürgerliche Werte angepasst, wenn sie das vermeintliche “Herrschaftswissen alter Männer” lesen. Wer nicht bürgerlich ist, wird bürgerlich gemacht. Man will ja schöne Fronten haben.

Marx und Bourdieu als Herrschaftswissen hat bei mir jetzt schon die Gesichtspalme des Jahres gewonnen und wir haben erst April.

Der Text beklagt sich weiter über eine “,oben’/,unten’ metaphorik” und bezeichnet diese als “letzte[n] scheiß”. Dass Klasse vertikale Ungleichheit ist, darin ist sich die Soziologie weitgehend einig. Bis auf Andreas Kemper. Laut Kemper/Weinbach (S. 26ff.) ist Klasse horizontale Ungleichheit. Soziale Stratifikation und gesellschaftliche Hierarchien gibt’s dann halt mal eben nicht, was soll’s? Nach Kempers Verständnis gibt es folgerichtig auch keine hohen und niedrigen Zahlen. ‘Es ist klassistisch, von “höheren” Zahlen zu sprechen’ (Zum Klassismus mathematischer Anordnungen).

Und noch ein letzter Punkt, bevor ich zum eigentlichen Thema komme: Die Frage, ob “Mit geballter Faust in der Tasche” oder die Texte von Rita Mae Brown als “legitimes Wissen” anerkannt seien, wurde da in den Raum gestellt. Um dann aus dem ersteren über Mittelklasse-Linke zu zitieren, die Arbeiter*innen mit Marx-Zitaten überfahren. Ja, die Broschüre kenne ich, aber nein, das Zitat passt hier nicht. Siehe oben. Von Rita Mae Brown wird zitiert, dass Klasse mehr sei als “die marxistische Definition von Beziehungen im Spiegel der Produktionsverhältnisse”. Ja, kann man so sehen. Die Frage ist allerdings, ob diese Sichtweise stimmt. Um das Brown-Zitat Leuten vorzuhalten, muss man denen nämlich erst mal eine aufs Ökonomische verkürzte Sicht auf Klasse unterstellen. Und die vermitteln – um das zu wissen, müsste man die leider wieder gelesen haben – tatsächlich weder Marx noch Bourdieu.

Ist Klasse ein soziales Konstrukt?

Damit zum eigentlichen Punkt meiner Kritik: Der Darstellung, dass Klasse ein soziales Konstrukt wäre, bzw. wie das gemacht wird. Das wirkt, wenn man es ohne Kontext hinstellt, doch etwa so (wie kürzlich auch bei Takeover.Beta explizit zu lesen), als sei Klasse ausschließlich soziales Konstrukt, mit realen Auswirkungen zwar, aber Fiktion. Einige glauben das tatsächlich. Andere – fürchte ich – übersehen das, weil sie bei ihrer eigenen Theorie nicht so wirklich hingucken und halt mal mitlaufen. Jedenfalls stimmt es nicht.

Zitat, so gefunden bei Regenbogenmaschine und ten1000spoons [gelöscht]:

“Die Klasse, in die jemand geboren wird, prägt das Verständnis für die Welt und die Zugehörigkeit. Die Klasse bestimmt die Ideen, das Verhalten, Einstellung, Wertigkeiten und Sprache. Sie bestimmt, wie jemand denkt, fühlt, handelt, aussieht, spricht, sich bewegt, (…) sie bestimmt die Arbeit, die wir als Erwachsene machen (…) Klasse betrifft alle Bereiche unseres Lebens (…) In anderen Worten: Klasse ist ein soziales Konstrukt und allumfassend.“
(Donna Langston)

Klingt fishy? Hier mal die Langfassung (Übersetzung unten) (virtuellen Keks wer eine Verkürzung von Bourdieus Habitus-Konzept findet):

Class is more than just the amount of money you have; it’s also the presence of economic security. For the working class and poor, working and eating are matters of survival, not taste. However, while one’s class status can be defined in important ways in terms of monetary income, class is also a whole lot more specifically, class is also culture. As a result of the class you are born into and raised in, class is your understanding of the world and where you fit in; it’s composed of ideas, behavior, attitudes, values, and language; class is how you think, feel, act, look, dress, talk, move, walk; class is what stores you shop at, restaurants you eat in; class is the schools you attend, the education you attain; class is the very jobs you will work at throughout your adult life. Class even determines when we marry and become mothers; Working class women become mothers long before middle class women receive their bachelor’s degrees. We experience class at every level of our lives; class is who our friends are, where we live and work even what kind of car we drive, if we own one, and what kind of health care we receive, if any. Have I left anything out? In other words, class is socially constructed and all encompassing. When we experience classism, it will be because of our lack of money (i.e., choices and power in this society) and because of the way we talk, think, act, move because of our culture.

//

Klasse ist mehr als nur die Menge Geld, die du hast; sie ist auch die Anwesenheit wirtschaftlicher Sicherheit. Für Arbeiterklasse und Arme sind Arbeiten und Essen Fragen des Überlebens, nicht des Geschmacks. Doch während jemandes Klassenstatus in wichtigen Punkten in Bezug auf monetäres Einkommen definiert werden kann, ist Klasse außerdem eine ganze Menge mehr, insbesondere ist Klasse auch Kultur. Als Ergebnis der Klasse, in die du geboren wirst und in der du aufgewachsen bist, ist Klasse dein Verständnis der Welt und wo du hinein passt; sie setzt sich zusammen aus Ideen, Verhaltensweisen, Einstellungen, Werten und Sprache; Klasse ist, wie du denkst, fühlst, handelst, aussiehst, dich kleidest, redest, dich bewegst, gehst, Klasse ist, in welchen Geschäften du einkaufst, Restaurants du isst; Klasse ist, welche Schulen du besuchst, die Ausbildung, die du erhältst; Klasse ist, in welchen Jobs du dein Erwachsenenleben hindurch arbeiten wirst. Klasse bestimmt sogar, wann wir heiraten und Mütter werden; Arbeiterklasse-Frauen werden Mütter, lange bevor Mittelklasse-Frauen ihren Bachelor-Abschluss haben. Wir erleben Klasse auf allen Ebenen unseres Lebens; Klasse ist, wer unsere Freunde sind, wo wir leben und arbeiten, sogar welche Art von Auto wir fahren, falls wir eins besitzen, und welche Art Gesundheitsversorgung wir bekommen, wenn überhaupt eine. Habe ich etwas vergessen? In anderen Worten, Klasse ist sozial konstruiert und allumfassend. Wenn wir Klassismus erleben, ist das wegen unseres Mangels an Geld (d.h. Wahlmöglichkeiten und Macht in dieser Gesellschaft) und wegen der Art, wie wir sprechen, denken, handeln, uns bewegen aufgrund unserer Kultur.

Das Langston-Zitat ist also so gekürzt, dass der Kontext nicht mehr klar wird. Die gekürzte Version von oben stammt zudem aus einem der Classism Papers von Chuck Barone (The Foundations of Class and Classism), der Langstons Ansicht danach wie folgt kritisiert (Übersetzung unten):

As important as these personal dimensions of class are they miss the fact that class is both a relational and structurally-based experience. Classes exist in relation to one another in ways that are often oppositional, i.e., the benefits and privileges of one class are at the expense of other classes in the same way that the benefits that men and whites receive are often at the expense of women and people of color. While many people recognize that racism and sexism prevent everyone from having an equal chance to succeed, class inequality is often viewed and justified as the result of a meritocracy where each individual has a fair chance to succeed.

However, few seem to recognize that economic inequality is also based on the structures of class and classism that privilege the wealthy and already successful.

We define classism as the systematic oppression of one group by another based on economic distinctions based on one’s position within the system of production and distribution. At the institutional level structure allows socially consequential power to be employed against the wills and efforts of individuals who are affected by the exercise of such power (Bowles and Gintis 1986: 101). Class is a system of power and authority, of domination and subordination that is economically based.

2. Economic Foundation: Understanding the economic basis of class is the key to understanding classism. [...]

//

So wichtig diese persönlichen Dimensionen von Klasse sind, übersehen sie doch die Tatsache, dass Klasse sowohl relationale als auch strukturell-basierte Erfahrung ist. Klassen existieren in Beziehung zueinander und oft auf gegensätzliche Weise, d.h., die Vorteile und Privilegien einer Klasse gehen genau so auf Kosten der anderen Klassen, wie die Vorteile, die Männer und Weiße erhalten, oft auf Kosten von Frauen und People of Color gehen. Während viele Menschen erkennen, dass Rassismus und Sexismus verhindern, dass alle eine gleiche Chance auf Erfolg haben, wird die Ungleichheit zwischen den Klassen oft als gerechtfertigtes Resultat einer Meritokratie angesehen, in der jedes Individuum eine faire Chance hätte, Erfolg zu haben.

Jedoch scheinen nur wenige zu erkennen, dass ökonomische Ungleichheit auch auf Klassen-Strukturen und Klassismus basiert, die Reiche und bereits Erfolgreiche privilegieren.

Wir definieren Klassismus als die systematische Unterdrückung einer Gruppe durch eine andere auf der Basis von wirtschaftlichen Unterschieden zur eigenen Position innerhalb des Systems von Produktion und Distribution. Auf institutioneller Ebene ermöglicht die Struktur sozial wirksame Macht einzusetzen gegen den Willen und die Bemühungen Einzelner, die von der Ausübung dieser Macht betroffen sind (Bowles und Gintis 1986: 101). Klasse ist ein System von Macht und Autorität, von Herrschaft und Unterordnung, das ökonomisch basiert ist.

2. Okönomische Grundlage: Die Ökonomische Grundlage von Klasse zu verstehen ist der Schlüssel zum Verständnis von Klassismus. [...]

Und obwohl ich bei Chuck Barone bei weitem nicht alles unterschreiben würde: Danach folgen Ausführungen zu Mehrwert, Kapital und Produktionsmitteln. Oder, wie einige Antiklassist_innen sagen: Herrschaftswissen alter Männer.

the power of christ compels you!

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Vorher in diesem Blog:
Dear Mr. Capitalist

Danke an das Lektorat:
@Bunny_Riot, @CharredC, @ekelias, @ffalt, @Freikaempfer, @lightsneeze und @proletin

Gender, Cyborgs und Piraten

tl;dr Über die Rückkehr des piratigen Postgender-Zombies und wie Postgender-Vertreter Dinge in Texte hineinlesen, die nicht drinstehen.

Jedes Mal, wenn man denkt, Postgender wäre durch: Piraten. Diesmal mit einem Blogbeitrag von @kpeterlKA, der sich nach der Piratinnenkon und vor der bevorstehenden Postgenderkon an einer Erklärung versucht, wieso Queer “offener und inklusiver” sei als Feminismus, um insgesamt zu dem Schluss zu kommen:

Einigen sollte alle Queer das Streben nach einer Gesellschaft, die real post-gender ist.

Hm… Nein?

Ich denke, auf das Ausspielen von Queer vs. Feminismus braucht man nicht groß einzugehen. Wenn man Frauen- und Schwulenbewegung “frühere Emanzipationskämpfe” nennt, und dabei vergisst zu erwähnen, welchen Impact Queer Theory auf die — in weiten Teilen queer — fortbestehenden “früheren” Bewegungen hatte, macht das vielleicht so halb Sinn, die Implikation ist nur eben eine sehr falsche. Wenn man dann noch zwischen “feministische[n] und LGBTQI-Themen” unterscheidet, und erklärt, dass Queer “soldarische Kritik” an feministischen Projekten sei, hat man sich eigentlich schon durch die Wortwahl disqualifiziert. Solidarität bezeichnet die Verbundenheit mit oder Unterstützung der Ziele anderer. Danach zu mansplainen, dass Feminismus und Queer keine Gegensätze seien: Come on.

Was ist “Queer”?

Queer ist Sex/Gender/Begehren außerhalb der Norm [Sex = biologisches Geschlecht, Gender = Geschlechtsidentität]. Queer ist mehr als schwul, lesbisch, bisexuell, trans, inter, genderfluid, non-conforming, bigender, nongendered, Frauen die Sex mit Männern haben und sich nicht als hetero bezeichnen, Männer die Sex mit Männern haben und nicht schwul sind, asexuell, pansexuell, poly. Queer ist Widerstand gegen statische Identitäten, Marginalisierungen, Ausschlüsse und Essentialisierungen. Queer ist nicht spezifisch und nicht stabil. Queer denaturalisiert die Norm. Queer verschließt sich der Festlegung, was queer ist. “Given the extent of its commitment to denaturalisation, queer itself can have neither a foundational logic nor a consistent set of characteristics” (Jagose, 1997, 96). “There is nothing in particular to which it necessarily refers” (David Halperin, 1995, 62). “It is an identity without an essence” (Warner 1992, 19).

Laut @kpeterlKA heißt Queer “nicht mehr in die traditionellen Konzepte von Körper, Geschlecht und Begehren zu passen”. Das stimmt nicht. Sondern anders herum: Wer sich nicht innerhalb “traditioneller Konzepte” von Sex/Gender/Begehren verortet, ist möglicherweise -nicht zwingend- queer. Nicht zwingend, weil man nicht einfach fremdbezeichnet.

Und was “die Norm”?

Das ist, was Judith Butler heterosexuelle Matrix, später heterosexuelle Hegemonie, genannt hat: Ein Set aus Normen für Sex/Gender/Begehren, die Abweichendes marginalisieren und pathologisieren. Heteronorm und Zweigeschlechtlichkeit erzeugen Geschlechterdifferenz entlang dichotomer Unterscheidungen. Mann und Frau werden dabei als einzige, damit gut unterscheidbare, Geschlechter naturalisiert, indem sie in gegenseitigem Begehren aufeinander bezogen werden. Zwangsheterosexualität nennt man, dass heterosexuelles Begehren zur Norm gesetzt wird, d.h. hetero als normal gilt und vorausgesetzt wird. Daneben gibt Paarnormativität vor, dass Begehren ein (andersgeschlechtliches) Gegenüber braucht. Und die Mononorm macht dazu noch die Vorgabe, dass es immer nur zwei Leute sein dürfen, die sich da gegenseitig begehren.

Diese Dichotomien muss man sich immer als “normal”/”abweichend” (konstruiert) vorstellen. Nicht, wie einige sich das vereinfachen, und dann nicht mehr erkennen, was das Problem daran ist: Mehrheit/Minderheit.

Differenz überwinden?

Postgender sei nicht, so @kpeterlKA ‘die Verneinung der Differenz von „Mann“ und „Frau“, sondern die Überwindung derselben’.

Soziale Ungleichheit lässt sich aber nicht abstellen, indem man “einfach” Differenz überwindet. Differenz dient der Rationalisierung sozialer Ungleichheit, ist aber nicht deren Verursacher:

Dass Differenz und Ungleichheit nicht zwingend ein- und dasselbe sind, ist eine verhältnismäßig bekannte sozialwissenschaftliche Einsicht, um die sich Butler allerdings wenig kümmert. Aus »Unterschieden« werden Diskriminierungen und strukturelle Ungleichheiten, und zwar je und ausschließlich nach gesellschaftlichen und politischen Konstellationen. Sicher werden auch die Differenzen zwischen Menschen gemacht, sie sind – so weit ist die sozialwissenschaftliche Debatte in Teilen auch – konstruiert, ebenso die auf diesen aufruhenden Identitäten (wie ethnische, religiöse, geschlechtliche). In diese Konstruktionen fließen aber, und dies ist die genuin sozialwissenschaftliche Perspektive, soziale Ungleichheitsdimensionen in komplexer Weise ein. Das ist ja das (spezifisch moderne) Motto soziologischer Perspektiven, unter anderem auch in der Frauen- und Geschlechterforschung: Aus einer Differenz, dem »kleinen Unterschied« zum Beispiel, wird eine strukturelle, gesellschaftstheoretisch zu erfassende Ungleichheit, ein strukturelles (Ungleichheits-)Verhältnis. Indes, ganz so einfach ist es nicht, Butler und eine sozialwissenschaftliche Perspektive gegeneinander auszuspielen. Denn Butler geht es nicht um kleine Unterschiede im Sinne beliebiger Differenzen oder gar um rein »biologische« Unterschiede wie Augen- oder Hautfarben. Sie thematisiert vielmehr immer nur Differenzen, insofern sie Identität konstituieren. Und sie thematisiert die machtpolitische Logik, die Differenzen erst schafft. [...] [Paula-Irene Villa, Judith Butler, 2003]

Dass es bei Butler keine unproblematischen Differenzen gibt, liegt also daran, dass sie sich mit denen nicht beschäftigt. Nicht jede Differenz ist ein Problem.

Zu den Cyborgs.

@kpeterlKA erklärt:

Das Cyborg ist das Geschöpf einer Post-Gender-Welt, Hybrid aus Mensch und Maschine, welche die Grenzen zwischen natürlich/künstlich, innen/außen, normal/pervers oder männlich/weiblich zusammenbrechen lässt. Das Cyborg verwischt diese scheinbaren Gegensätze, denn es befindet sich in einem Zustand, der jenseits dieser Gegensätze liegt.

Wie die meisten Postgender-Vertreter_innen, die sich auf Donna Haraway beziehen, übergeht er hier zwei Dinge:

1) Die Welt in Donna Haraways Essay war keine Utopie:

Sie meint, wir sind bereits mittendrin (in gesellschaftlichen Verhältnissen verstrickt, auch wenn wir sie kritisieren), die Natur zu der wir zurückwollen, ist gesellschaftlich konstruiert, daher können wir eigentlich nur anfangen Verantwortung zu übernehmen, wenn wir mit gesellschaftlichen Zuständen nicht einverstanden sind. Wir können uns der Verantwortung aber niemals dadurch entziehen, dass wir behaupten, wir wären von Natur aus unschuldig – oder besser: unbeteiligt, nicht in die komplexen Systeme von Macht und Herrschaft verwoben – und müssten nur zu dieser Natur zurückfinden. Ganz im Gegenteil, die zunehmende Verbreitung von Computersystemen in den meisten Bereichen des Lebens führt dazu, dass Menschen bereits in symbiotischer Beziehung mit der Computertechnik leben und damit die Grenzen zwischen Organismus und Maschine verwischen. Gleichzeitig entwirft sie die Cyborg als Figur der feministischen Reflexion, die nach der Verantwortung an der Konstruktion von Stereotypen und Normen im Cyborgzeitalter fragt. [Gender@Wiki]

2) Haraway hat den Begriff “post-gender” später nicht mehr verwendet, weil die Postgender-Vertreter ihn so benutzt haben, wie sie ihn nicht gemeint hat. Sie schreibt zur Bedeutung des Begriffs “post-gender” in ihrem Cyborg-Manifesto [Übersetzung von mir, englisches Original hier oder hier]:

Donna Haraway: [...] Ich habe keine Geduld mit dem Begriff “post-gender”. Ich habe ihn nie gemocht.

Interviewer: Aber Sie haben ihn in dem Manifest verwendet…

Donna Haraway: Ja, das habe ich. Aber ich hatte keine Ahnung, dass er zu diesem “ismus” werden würde! [Lachen] Wissen Sie, ich habe ihn seitdem nie mehr verwendet! Weil post-gender dann am Ende eine sehr merkwürdige Reihe von Dingen bedeutet. Gender ist ein Verb, kein Substantiv. Gender handelt immer von der Produktion von Subjekten in Relation zu anderen Subjekten, und in Relation zu Artefakten. Gender behandelt die materiell-semiotische Produktion dieser Verbindungen, dieser menschlich-artefaktischen Verbindungen, die Menschen sind. Die Menschen sind immer schon in Verbindung mit Welten. Menschen sind Anhäufungen von Dingen, die nicht wir sind. Wir sind nicht selbst-identisch. Gender ist speziell die Produktion von Männern und Frauen. Es ist eine obligatorische Verteilung von Subjekten in ungleichen Beziehungen, bei der einige Eigentum an anderen haben. Gender ist eine spezifische Produktion von Subjekten in vergeschlechtlichten Formen, bei der einige Rechte an anderen zur Fortpflanzungsfähigkeit und Sexualität und anderen Arten des in-der-Welt-Seins, haben. Also ist Gender spezifisch ein System dieser Art, aber nicht kontinuierlich über die Geschichte. Die Dinge müssen nicht so sein, und in diesem besonderen Sinn, der den Fokus auf eine kritische Beziehung zu Gender nach dem Vorbild des “Dinge müssen nicht so sein” der kritischen Theorie legt — in diesem Sinne von Gender sprengen stimme ich dem Begriff “post-gender” zu. Aber das ist nicht “post-gender” in einem utopischen, über-männlich-und-weiblich-hinweg Sinne, wofür es oft hergenommen wird. Es ist die Sprengung der Notwendigkeit, die Nicht-Notwendigkeit dieser Art, die Welt zu tun [of doing the world].

Es hat viel zu tun mit “post-gender” in dem Sinne, den Skandal von Gender zu sprengen, und mit einem Feminismus, der nicht Frau umfasst, sondern für Frauen ist. Diese Art “post-gender” bezieht starke Theorien von Intersektion mit ein, die aus der postkolonialen Theorie kamen, und feministische Theorie von Women of Color, und solche, die überwiegend, aber nicht nur, von Menschen kam, die unterdrückt wurden auf koloniale und rassisierte Arten. Sie bestanden auf einer Art unerbittlicher Intersektionalität, die jede für sich allein stehende Gender-Analyse verweigert, und in diesem Kontext finde ich, dass der Begriff “post-gender” Sinn macht. Hier kann er als eine Art intensivierten kritischen Verständnisses dieser vielen Fäden der Produktion von Ungleichheit verstanden werden.

// aus: ‘Cyborgs, Coyotes and Dogs: A Kinship of Feminist Figurations, and There Are Always More Things Going on Than You Thought! Methodologies as Thinking Technologies. An Interview with Donna Haraway by Nina Lykke, Randi Markussen and Finn Olesen’. 2004. In Donna Haraway, The Haraway Reader. London: Routledge.

Damit ist zwar klar, dass Queer Theory und Haraways “post-gender” ziemlich gut zueinander passen. Aber Haraway meinte eben “post-gender” im Sinne einer  intersektionalen postkolonialen Theorie und keine Utopie mit Cyborgs.

***

Danke an @kamilakepys fürs Lektorat.

Generisches Maskulinum be gone

tl;dr There’s no U in Linguistic Turn.

no_u_turn

Piratenpartei, hier ist dein Schild*.

Im Sync-Forum der Piratenpartei gab es bis vor ein paar Tagen eine Voreinstellung, geschlechtergerechte Sprache, die Unterstriche, Gendersternchen und Binnen-Is verwendet, automatisch zu filtern und durch generisches Maskulinum zu ersetzen.

Der Verantwortliche, @heluecht, erklärt dazu in seinem Blog, es sei eigentlich geplant gewesen, die “Funktionalität” als abwählbare Option zu gestalten, dabei sei es zu einigen Wochen Verzögerung gekommen, yada yada. In der Zwischenzeit hatten aber schon Leute, die kein generisches Maskulinum verwenden, gemerkt, dass ihre Einträge verfälscht wurden, und sich beschwert.

Die “Funktionalität” wurde schließlich zur abwählbaren Option, zunächst mit dem bezeichnenden Namen “Genderformen (Binnen-I, Gender-Gap, Gender-Star) normalisieren” (Screenshot), nach neuerlichen Beschwerden geändert zu “Darstellung von Genderformen (Binnen-I, Gender-Gap, Gender-Star) unterdrücken”.

Unterdrücken – so viel Spaß muss sein – finde ich eine sehr gelungene Wortwahl. Props dafür!

Wie begründet man nun aber so einen “Filter”, der anderer Leute Texte sinnentstellend manipuliert? Da hat sich – in einer Partei, die den halben Tag Zensur und Rechtsstaat schreit – doch bestimmt jemand erst mal eine wasserdichte Begründung einfallen lassen, um die Eingriffe in anderer Leute Texte zu rechtfertigen.

LOL, nope:

Ich störe mich beim sogenannten “Gender-Star” (also der Form mit dem “*”) insbesondere an der Ästhetik. Ich finde, dass das “*” ein Wort zerreisst. Sternchen werden für Fußnoten benutzt, oder bei Textnachrichten als Ersatz für Fettschrift. Ich finde, dass es ein typografischer Unfall ist. Ähnliches gilt für den Unterstrich, der ebenso immer mal wieder verwendet wird. Das sogenannte Binnen-I ist erheblich unauffälliger und kann viel besser überlesen werden (das Auge stoppt nicht an dem für ihn ungewohnten Zeichen mitten im Wort) und erfüllt meiner Ansicht nach deswegen viel besser den Zweck. Am Besten finde ich es aber, wenn man vorzugsweise andere Formulierungen verwendet. Das klassische Beispiel ist dabei “Studierende” statt “Studenten”. [Quelle]

Was zwei Fragen aufwirft:

a) Wen interessiert das?
b) Warum benutzt der Autor trotz besserer Ideen generisches Maskulinum?

Die wir als rhetorisch abhaken und zum inhaltlichen Teil übergehen.

Was ist denn so schlimm an ein bisschen filtern?

1) Das ist kein Filter, das ist sinnentstellende Verfälschung

Das generische Maskulinum ist nicht neutral. Man kann sich nicht gleichzeitig zu Gleichberechtigung bekennen und bei der Sprache das Männliche zur Norm setzen. Das bedeutet, das Gegenteil von dem zu praktizieren, was man sagt. It makes no sense.

Dass geschlechtergerechte Sprache ein politisches Statement ist, ist bei den Piraten den meisten wahrscheinlich längst klar, anders erklärt sich kaum, dass viele so vehement dagegen antrollen. Mit teilweiser Rückendeckung aus dem Bundesvorstand, wie im aktuellen Fall von Bundesschatzmeister*in Swanhild Götze, die den Eingriff als “bewusste Entscheidung des Empfängers, ob die Option aktiviert wird oder nicht” abtut.

Wieso wird hier das Interesse derjenigen, die nicht sehen wollen, dass andere geschlechterinklusiv schreiben (und meinen), höher bewertet als das der Schreibenden daran, dass ihr Text mit dem intendierten Inhalt beim Empfänger zur Kenntnis genommen werden kann? Wenn sich irgendwelche maskulistischen Trottel oder Fefe so etwas als Browser-Plugin installieren: Bitteschön, aber großer Unterschied. Dann sind diese Leute allein dafür verantwortlich, dass sie verfälschte Informationen zu lesen bekommen. Wenn die Piratenpartei als besonderen Service anbietet, Texte entgegen deren Intention in inklusionsfeindliche Sprache zu “übersetzen” und damit inhaltlich zu verändern, ist das ein Statement der Piratenpartei. Es ist nicht nur einfach ein Filter, es ist Sinnverfälschung. [ETA: Nachtrag] Wenn ich z.B. Frauen* schreibe, meine ich nicht Frauen. Wenn ich Pirat_innen schreibe, meine ich nicht nur Piraten.

Filtersouveränität ist kein Wunschkonzert. Das Verfälschen von Informationen mit Filtersouveränität zu begründen, ist großer Unsinn. Filtersouveränität ist ein Ansatz, der davon ausgeht, dass es möglich ist, selbstbestimmt Dinge nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die nervigsten Hashtags bei Twitter filtern, Leute blocken mit denen man nichts zu tun haben will, Dinge nicht lesen bei denen man schon über die Überschrift facepalmt. Ob das Filtern immer so gelingt, ist ein anderes Thema, aber klar ist: Man muss sich nicht mit allem beschäftigten, was digital auf eine_n einströmt. Aber: Filtersouveränität ist nicht ein Anspruch darauf, eine Information so verändert zur Kenntnis zu nehmen, dass sie einem gefällt.

Außerdem lässt tief blicken, dass solche Filter in anderen Foren zum Ausblenden von diskriminierender Sprache und Beleidigungen genutzt werden, während bei den Piraten genau diese stehen bleiben (Triggerwarnung für rassisische und sexistische Sprache: [1][2][3][4][5][6]) [Login erforderlich].

Von einer Partei, die informationelle Selbstbestimmung zu ihren Kernthemen zählt, darf man mehr erwarten.

***

ETA 10.04., 23:26
Nachtrag zu “Wenn ich z.B. Frauen* schreibe, meine ich nicht Frauen”:

Damit meinte ich, dass es einen Bedeutungsunterschied zwischen den Schreibweisen “Frauen*” und “Frauen” gibt. Einige verwenden das Gendersternchen hinter Frau, um deutlich zu machen, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Wenn man das Sternchen wegfiltert, wäre also die Intention der Normkritik unsichtbar.

Ich selber benutze kein Sternchen hinter “Frauen”, weil ich finde dass damit die Normkritik an den so bezeichneten Leuten (a.k.a. Frauen) ausgetragen wird. Darum bezeichne also keine Frauen als Frauen*.

// Danke für den Hinweis, dass der Satz missverständlich war, an @fabievesper, die hier erklärt, was am Gendersternchen hinter “Frauen” problematisch sein kann.

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Danke an @ffalt und @ekelias fürs Lektorat.

Merkbefreit Online

tl;dr Autismus-Metaphern sind diskriminierend und wer sie nutzt ist mindestens ignorant.

Bei Zeit Online stelle ich mir regelmäßig die Frage, ob in deren Redaktion jede*r ungeprüft veröffentlichen darf, die einen überempfindlichen Publish-Button haben, oder warum da immer so eine unglaubliche Sülze im Netz landet. Zeit Online hat intellektuelle Kleinereignisse wie Nina Pauers “Schmerzensmänner” hervorgebracht. Zeit Online lässt Harald Martenstein für sich schreiben, den Herrn mit dem Dauerparkplatz direkt am Ressentiment. Und Zeit Online nutzt Autismus-Metaphern.

Autorin Ingeborg Harms schreibt heute in einem gewagten Versuch, auf einen abgefahrenen Zug aufzuspringen, über Harlem Shake (dieses Tanz-Meme, falls das jemand wirklich noch nicht mitbekommen hat):

Auch der Harlem Shake ist keine haltlose Autistenparty, sondern eine kollektive Antwort auf den sexuellen Autismus, den die mediale Pornodienstleistung bierernst provoziert. Was sich im Harlem Shake abspielt, ist eine Regression ins Präödipale, die Erlösung von einer reifen sexuellen Vorstellung, die Veralberung des Triebs. Wenn man darin ein Symptom sehen will, dann spricht es von einem globalen Bedürfnis nach Wiederaneignung der sexuellen Energie zu kreativen Zwecken. [Quelle]

Wenn Frau Harms meint, Harlem Shake sei “keine haltlose Autistenparty” sondern “Antwort auf den sexuellen Autismus [...]“, fällt schon auf, dass ihr Hang zur ärgerlichen Sinnlos-Metapher so weit geht, dass sie diese einfach auch noch umdreht, um sie zwei mal benutzen zu können. Wenn man sich bei der “haltlosen Autistenparty” also noch fragen konnte, was zur Hecke die Autorin damit bloß sagen will, ist bei der zweiten Erwähnung schon klar, dass anderer Leute Realität für Frau Harms ein universeller Platzhalter für “gefällt mir nicht” ist.

Dass Harms mit einem “sexuellen Autismus, den die mediale Pornodienstleistung bierernst provoziert” nichts Gutes meint, erschließt sich von selbst. Was sie mit diesem Griff ins Klo von einer Metapher letztendlich sagen wollte, muss man also gar nicht wissen, um zu erkennen, dass ihre Aussage diskriminierend ist.

Auch wenn Autisten anders sozial interagieren als Neurotypische, heißt das noch lange nicht, dass man daraus ein Defizit ableiten könnte. Und selbst wenn man Autisten ein Defizit unterstellt, kann man sich spätestens da selber erklären, warum die Verwendung der Metapher sich verbietet.

Aber soweit ist man noch nicht in der Redaktion von Zeit Online. Da versteht man nämlich, wenn ein Redakteur autistisch genannt wird, das als eine Beleidigung des Redakteurs und nicht als Diskriminierung von Autisten. Da brauchen einen dann auch solche Artikel nicht mehr zu wundern.

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Danke an @kamilakepys und @ffalt fürs Lektorat.